Und von heute auf morgen gehöre ich zur Gruppe besonders gefährdeter Personen

 

Plötzlich werden alle für mich zum Risiko. Das ist nicht einfach hinzunehmen und eine ganz neue Realität. Von allen Seiten werde ich gewarnt, mich ja zurückzunehmen und Kontakte nicht wie gewohnt zu pflegen. Gerade jetzt täte es aber gut, sich bei einer Tasse Tee und einem Stück Kuchen miteinander zu unterhalten oder in aller Ruhe gemeinsam ein Glas Wein oder ein Bier (auch alkoholfreies ist gut J) zu trinken. Viele Menschen fallen mir ein, mit denen ich mich ohnehin wieder einmal treffen wollte – aber es geht nicht. Manches ist am Telefon zu besprechen, aber persönliche Kontakte lassen sich nicht einfach ersetzen. Hoffentlich kann ich nach der Pandemie auch wirklich einiges von den Vorsätzen an Besuchen und Begegnungen einlösen.

Es sind ernste Gedanken und Sorgen, die uns besonders gefährdete Personengruppen durch den Kopf gehen. Manche Menschen laufen Gefahr, den Ernst der Lage zu verdrängen indem sie die Situation verharmlosen und sich nicht an die Anordnungen halten. Es kann aber auch sein, dass sie Lebensfreude und Lebensmut verlieren, weil die Einsamkeit brutal zuschlägt. Vielleicht noch nicht in den ersten Tagen, aber es ist eine herausfordernde Aufgabe, das momentane Engagement über längere Zeit aufrecht zu erhalten. Wie können wir damit umgehen, wenn jemand von sozialen Kontakten so unfreiwillig abgeschnitten wird? Da gibt es sicher keine einfachen Antworten und Rezepte.

Ich erinnere mich an die Zeit, als ich vor einigen Jahren für (nur) drei Wochen auf der Isolierstation im Krankenhaus verbringen musste. Ich bin gern unter Menschen, habe aber gelernt, diese Zeit bei sehr guter medizinischer und menschlicher Versorgung mit mir allein zu sein. Ich konnte nicht in den Garten, nichts aufräumen und die Kraft zum Lesen war auch kaum mehr gegeben. Dazu kam die Angst, ob alles gut ausgehen wird.

Einsamkeit fördert negative Gedanken. Ängste bewegen auch heute viele Menschen, gerade uns Risikopersonen. Wie können wir einander vermitteln, dass wir nicht allein sind?

Reden hilft

Ängste und zermürbende Gedanken setzten sich besonders dann fest, wenn man mit Leuten spricht, die das alles verstärken. Man sollte Menschen meiden, die überall nur den Weltuntergang und apokalyptische Situationen sehen, das hilft nicht weiter und nimmt vielen älteren und depressiv veranlagten Menschen auch noch den verbleibenden Lebensmut. Wir sollten lösungsorientiert mit der Situation umgehen und nicht problemorientiert. Es ist nicht gut, sich ständig die Probleme vor Augen zu führen, das macht Angst und lähmt. Wenn man selbst gefährdet ist, dass einem die Angst zermürbt, dann ist es hilfreich, sich bewusst auch mit Menschen zu unterhalten, die Hoffnung ausstrahlen und so weit als möglich kreativ mit dieser Situation umgehen. Reden hilft. Die Sorgen zu teilen und miteinander findet man normalerweise leichter wieder einen Funken Licht, als alleine.

Wertschätzender Umgang mit besonders gefährdeten Gruppen

Allein das Definieren von Risikogruppen zeigt, dass diese Menschen der Gesellschaft wichtig sind. Es ist ein schönes Zeichen, dass nicht nach Leistung, sondern nach Bedürfnissen gesichert wird. Die Schwächeren sind die, die am meisten zu schützen sind und das geschieht Gott sei Dank zurzeit auch sehr gut. Das sollte eine grundlegende Haltung sein und bleiben.

Ich bin auch froh und dankbar, dass ich alle Medikamente bekomme, die ich brauche und für alle, die sich im Krankenhaus um die Patienten bemühen: Schwestern, Ärzte, Pflegepersonal, Reinigung, alle sind in dieser Zeit besonders gefordert. Trotz der Doppelbelastung mit den Sorgen zuhause, gehen sie zur Arbeit. Es ist eine besondere Leistung, wenn sie bei der Versorgung, Betreuung und Pflege die ganzheitlichen Bedürfnisse der Patienten wahrnehmen und soweit es möglich ist, sogar Aufgaben der Angehörigen übernehmen und mit den Patient*innen besonders sorgsam und einfühlsam umgehen. Ein nettes Wort und ein freundlicher Blick können sehr aufbauend wirken. Auch die Seelsorge ist in diesen Wochen besonders gefordert und es kommt ihnen eine wichtige Aufgabe zu, selbst wenn auch hier die persönlichen Kontakte eingeschränkt sind.

Kein Kontakt zu den Großeltern – Enkelkinder können kreativ sein

Es ist für viele ältere Menschen, die jetzt auch zur Risikogruppe gehören, eine ganz besondere Situation sehr unvermittelt eingetreten, sei es zuhause oder auch in Altenheimen, wo von heute auf morgen keine Besuche mehr erlaubt sind. Nicht einmal kleine Geschenke, einen Blumenstrauß oder Schokolade kann man noch hinbringen.

„Leider können wir Oma im Altenheim nicht besuchen, klagen zwei kleine Kinder“. Wir haben aber jetzt schulfrei und werden für Oma eine Karte basteln, ihr einen Brief schreiben und berichten, was wir tun. Ein Foto kommt auch dazu. „Das machen wir jetzt regelmäßig“, sagen die zwei Halbwüchsigen voller Enthusiasmus. Die Oma wird sich freuen und die Kinder sind beschäftigt. Es müssen ja nicht nur die eigenen Großeltern sein, vielleicht gibt es auch Bekannte aus dem Familien- und Freundeskreis, denen man eine kleine Freude bereiten kann. Dasselbe gilt für Patient*innen in den Krankenhäusern.

Sich um andere kümmern verringert den Kummer

Ich erlebe es in diesen Tagen, wo ich selbst isoliert bin, dass sich Menschen sehr freuen, wenn sie ihre Sorgen und Nöte zumindest am Telefon mit jemandem teilen können. Menschen die allein leben, brauchen jetzt jemanden, wo sie ihre Sorgen aussprechen können, damit sie ihnen nicht zu groß und unbewältigbar erscheinen. Reden hilft, auch am Telefon!

Wenn es möglich ist, nützen sie Brief, Katen, Telefon, Email oder soziale Netzwerke, um Kontakt zu halten. Man soll nicht unterschätzen, wie sehr es hilft, sozial eingebunden zu sein und wie gut es tut, wenn jemand nachfragt, wie es einem geht.

Wir müssen dagegen ankämpfen, dass Isolation nicht Vergessenheit bedeutet. An jemanden zu denken, einen Gruß auszurichten (und wenn es „nur“ eine Nachricht ist, die wir beim Portier abgeben), das Gebet füreinander, die Postkarte oder der Brief, all diese Dinge sind in diesen Tagen sehr wichtig. Sie geben den Risikopatienten, besonders denen, die allein sind, das Gefühl und die Sicherheit, dass sie besondere Aufmerksamkeit und Wertschätzung genießen.

Persönlicher Umgang mit der Krise

Alle wollen ihr Leben schützen und niemanden gefährden. Ich bin dankbar, dass es klare Anweisungen gibt und Hilfspakete auf den Weg gebracht werden, welche die soziale Sicherheit schützen. Für viele ist das nicht zur Arbeit gehen können oder dürfen eine schwere Belastung, menschlich, finanziell, psychisch. Wir dürfen dankbar sein, in einem Land leben zu können, wo es sofort Hilfsmaßnahmen und Arbeitslosengeld gibt und die Kühlschränke wohl noch lange gut gefüllt sein werden.

Ruhe zu bewahren kann man zwar empfehlen, aber diese Worte verhallen in den Sturmböen dieser Tage. Ein Blick auf die Situation und die uns vermittelten Informationen verharmlosen den Ernst der Lage nicht, aber die Maßnahmen sind weitgehend zum Schutz für uns alle, nicht nur für die Risikogruppen. Ich versuche jeden Tag neu meine Welt zu ordnen und nicht im Chaos unterzugehen. Momente der Stille und des Gebetes geben mir Ruhe und Kraft. Ich denke oft an unsere Kirchen und stelle mir vor, wie wir an Sonntagen feiern, in Mitterkirchen, Arbing, Baumgartenberg oder Naarn, ich erinnere mich an die Gespräche und Vorbereitungen in den Sakristeien, beim Pfarrkaffe oder einfach am Kirchenplatz. Das fehlt mir und ich freue mich, wenn wir uns wieder sehen können.

Die Zeit kann man auf vielfältige Weise nützen: Fotoalben ordnen, Bücher lesen, vielleicht etwas nähen oder stricken, Sachen reparieren oder basteln, etwas schreiben oder diese Zeit in einer Chronik festzuhalten. Diese Aufzeichnungen werden später einmal sehr interessant zu lesen sein. Garten, Wohnung und Haus brauchen im Frühjahr ohnehin viel Pflege. Ich weiß, dass solche Vorschläge auch lächerlich klingen können. Nicht zuletzt hat auch das persönliche Gebet in diesen Tagen einen besonderen Stellenwert. Es verbindet uns mit dem uns liebenden Gott. Sein Name ist nicht: „ich löse alle Probleme für euch“, sein Name ist: „ich bin mit euch“, auch wenn es große Probleme gibt. Darauf dürfen wir bauen und vertrauen.

Auf jeden Fall wünsche ich allen, das je eigene zu finden, um in dieser Krise nicht zu verzweifeln und halbwegs gut und mit Hoffnung das Leben mit den neuen Freiräumen gut gestalten zu können.

 

 

Johann Hintermaier