Ein weiterer Baustein für ein Leben nach der Botschaft Jesu

 

Was macht ein gutes Leben aus? Was brauchen wir dazu? Welche Möglichkeiten und Wege haben wir, es zu gestalten? In Form von Gleichnissen spricht Jesus zu den Menschen mit dem Ziel, dass „sie das Leben haben, und es in Fülle haben“, wie es bei Johannes heißt. Seine Worte sind keine theoretischen Überlegungen, sondern sie gehen von Alltagserfahrungen aus, die sich immer und überall ereignen können. Wer oder was bereichert das Leben, wer oder was raubt mir auch noch die letzte Kraft? Wer kommt, um mir im Leben voranzugehen, oder wer kommt zu mir, um mich auszunützen, zu stehlen, zu schlachten oder zu vernichten?

Einige Aspekte aus dem heutigen Evangelium (Joh 10,1-10) möchte ich zu diesem Thema herausgreifen.

Der Zutritt durch die Tür

Durch die Tür einzutreten ist der normale Zugang in ein Haus. Einbrecher dagegen suchen Zugänge zum Haus, die versteckt sind, wo man nicht sieht, dass jemand eine Tür oder ein Fenster aufbricht. Jesus meint in diesem Bild nicht nur die Türen von Gebäuden, sondern er meint das Leben und die menschliche Seele. In das Innere des Menschen wollen viele eindringen, um die Person für die eigenen Interessen und Märkte zu gewinnen, und das nicht immer nur in guter Absicht. Dazu fällt man nicht mit der Tür ins Haus, sondern „Einbrecher“ gehen sehr vorsichtig und hinterhältig vor. Wir kennen das von falschen Nachrichten, Vorspiegelung von Unwahrheiten, Verdrehen von Tatsachen, gefälschten Internetseiten, aber auch von süßen Worten und Reden, die sich als bittere Pillen herausstellen. Solche „Besucher“ sind keine Hirten.

Positive Erfahrung als Grundlage von Vertrauen und Glauben

Das Vertrauen in den Hirten, ich bleibe bei diesem Wort, heute würde man vielleicht „Vertrauensperson“ oder „Führungskraft“ sagen, lebt nicht nur von schönen Worten, sondern vom Vorbild sein und von einfühlendem Begleiten. Die Menschen waren von Jesu Worten so begeistert, weil sie gesehen haben und die Erfahrung machen konnten, dass er nicht nur gut reden kann, sondern gut ist, und anderen ein gutes Leben ermöglicht. Seine Botschaft ist die Gute Botschaft, oder wie wir sagen: Evangelium.

Im Gleichnis dieser Bibelstelle ist dieses Vertrauen mit dem Bild der Stimme angesprochen. Die Schafe kennen die Stimme des Hirten und deshalb folgen sie ihm. Wohlgemerkt, sie folgen und der Hirt geht voran. Er treibt sie nicht irgendwo hinein, sondern geht zuerst den Weg, den er auch anderen zumutet. Die Beziehung ist aber nicht nur einseitig. Der Hirt kennt die Seinen alle mit Namen. Es umgibt sich nicht mit einer anonymen Masse. Mit Namen angesprochen zu werden, drückt Wertschätzung und Anerkennung aus und das braucht jeder Mensch, das tut gut.

Eine kleine Geschichte dazu: Wenn mein Neffe nach der Katze ruft, kommt sie sofort, weil sie seine Stimme kennt und ihm vertraut. Sie weiß, jetzt gibt es etwas. Wenn ich auf Besuch komme, kann ich nach der Katze rufen, so viel ich will, sie kommt nicht, denn meine Stimme kennt sie nicht. Sie wird bestenfalls vorsichtig um die Ecke schauen.

Oder wenn es an der Haustür läutet und jemand sagt einfach: „Ich bin’s.“ Wenn wir die Stimme kennen, öffnen wir die Tür, sonst nicht. Vertrauen vereinfacht das Leben und bereichert es.

Ganz gemein sind Eindringlinge, die solches Vertrauen missbrauchen, wie es etwa beim „Neffentrick“ der Fall ist. Da wird sogar familiäres Vertrauen vorgetäuscht und mit Mitleid gespielt, was dann schamlos missbraucht wird. Ein Leben, das von Misstrauen geprägt ist, ist kein gutes Leben.

Wenn wir vertrauen können, dürfen wir dankbar sein. Es bereichert das Leben, wenn wir Menschen um uns haben, denen wir vertrauen schenken können und die auch uns Vertrauen schenken. Vertrauen ist ein Geschenk! Dieses Vertrauen hatten die Menschen in Jesus und das dürfen auch wir haben. Wir dürfen uns auch die eigenen Erfahrungen mitteilen, die wir im Glauben an Jesus, den Gott der Liebe, gemacht haben. Oft sind dazu gar nicht viele Worte notwendig, sondern es genügt ein schlichtes und ehrliches Gehen des Weges, wie es der Hirt vorgemacht hat. Das wirkt überzeugender, als große Worte.

Was brauchen wir, damit wir gut leben können? Im heutigen Evangelium wird nach den letzten Sonntagen mit Vergebung und Versöhnung, Hinhören und Hingabe, wieder ein Baustein hinzugefügt: Nämlich Vertrauen und Glauben! Nicht nur in sich selbst, sondern auch in andere Menschen und in Gott. Das Wort „vertrauen“ hat dieselbe Wurzel wie „glauben“. Vertrauen und Glaube kommen nicht von allein, sondern leben von der Pflege der Beziehung und von positiven Erfahrungen. Sie werden langsam aufgebaut und können leicht zerbrochen werden. Langsam wird uns auch jetzt wieder ermöglicht, persönliche Kontakte zu pflegen und auch gemeinsam Gottesdienste zu feiern. Möge beides wachsen, das Vertrauen in ein gutes Miteinander, und der Glaube an unseren guten Gott, damit wir den Stimmen, die wir hören, Vertrauen und Glauben schenken können und wir Menschen sind, denen auch andere ehrlich vertrauen können.

 

 

Hans Hintermaier