Karfreitag 2020

 

Karfreitag – der Tag der Trauer

nicht nur über den Tod Jesu, sondern über all das, was an Unrecht geschieht

 

„Jeder hat sein Kreuz zu tragen“, hört man öfter sagen. Das stimmt, aber das Leben besteht nicht nur aus Kreuztragen. Das was das Leben wirklich prägt und trägt, ist das liebende und sorgende Dasein füreinander, ist die Hingabe für andere, sind gemeinsame Erlebnisse, schöne und schwere. Besonders die schmerzlichen Erlebnisse bleiben oft sehr lange im Gedächtnis. Der Karfreitag mit der Kreuzigung Jesu ist so ein Gedächtnistag unseres Glaubens, der zu den ganz dunklen gehört. Es wurde unschuldiges Leben gekreuzigt, Jesus als Gotteslästerer verurteilt, öffentlich zur Schau gestellt und verspottet. Warum? Es gibt Motive dafür, aber dieses Handeln der Menschen bleibt bis zu einem gewissen Grad immer unerklärlich. Warum Menschen anderen Menschen Leid zufügen, widerspricht der Berufung des Menschseins, und gehört doch so selbstverständlich dazu. Warum, so frage ich mich persönlich oft, wurde einer ans Kreuz geschlagen und öffentlich verhöhnt, der nur gutes gepredigt und gelebt hat, der den Menschen Hoffnung und Liebe ins Herz gelegt hat, wie sonst keiner? Warum?

Jesus stört

Jesus war vor allem jenen ein Dorn im Auge, die in ihrem Verhalten, ihrer Macht oder ihren vorgeformten Lebens- oder Glaubensentwürfen gestört wurden. Jesus brachte für die Einen Hoffnung, für die Anderen Beunruhigung.

Die Machthaber verbündeten sich und durch geschickte Winkelzüge wurde Jesus aus dem Weg geräumt. Die Masse, die am Palmsonntag noch „Hosanna“ gerufen hat, schreit einige Tage später: „Ans Kreuz mit ihm!“ Der, der keine Gewalt angewendet hat, wurde gewaltsam hingerichtet. Paradox! Die Täter überlebten und gehen – zumindest scheinbar – als Sieger hervor. Ist die Botschaft des Karfreitags etwa jene, dass man andere beseitigen muss, wenn man sich selbst einen Platz im Leben verschaffen möchte? Prägt diese egoistische Haltung unsere Gesellschaft? Manchmal kann man das nur schwer leugnen. Aber genau diese Tage, die wir jetzt durchleben, sprechen eine andere Sprache und zeigen, Gott sei Dank, eine andere Wirklichkeit. Nur im Miteinander kommen wir durch die großen Krisen, nicht im Gegeneinander. Nicht im Brechen des Stabes über andere, sondern im Reichen des stützenden Stockes handeln wir so, dass mehr Zufriedenheit und Freude in die Welt kommt.

Was bleibt ist die Liebe

Das Tröstliche bei all dem Traurigen des Karfreitags ist, dass die Botschaft Jesu zum Evangelium geworden ist. Sein Leben und seine Worte halten wir bis heute heilig und versuchen, danach zu leben. Seine Liebe zu den Menschen und seine Bereitschaft, Fehler zu vergeben und nicht festzunageln, ist Kern unseres Glaubens. Es braucht oft mehr Kraft, nicht zurückzuschlagen, als auf Gewalt mit Gewalt zu antworten. Jesus ging es um das Durchbrechen dieses Teufelskreises der Vergeltung. Ich stehe zu euch, ich liebe euch, auch wenn es mich das Leben kostet. Auf mich könnt ihr vertrauen, an mich könnt ihr glauben. Ich lebe, auch wenn ich sterbe, das ist seine Heilsbotschaft.

Jesu Weg als neue Perspektive

Jesus zeigt uns am Kreuz eine gewaltige Alternative zur Gewalt auf, indem er für seine Verfolger betet, und sie nicht verflucht. Er will die Umkehr der Sünder, nicht deren Tod. Das erscheint unerhört und unverständlich, ja, Jesus handelt paradox. Wie können wir heute Unrecht überwinden, ohne neues Leid zu verursachen? Sicher nicht mit Gewalt, bösen Worten, Ablehnung und Verhöhnung, sondern mit der Alternative: mit Liebe, Gebet, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Jesu Wort von der Feindesliebe ist keine Theorie, sondern schmerzhafte aber heilsame Wirklichkeit.

In der Kreuzigung verwirklicht sich die Liebe Gottes, die am Kreuz nicht endet. Das Wort der Versöhnung, das Jesus am Kreuz spricht, leuchtet in der Osternacht ganz neu auf. Den Karfreitag können wir leider nicht überspringen und übergehen, da würden wir einen Teil des Lebens übergehen und dem Unrecht freien Raum lassen. Aber der Karfreitag ist nicht das Ende.

Der Gekreuzigte als Zeichen des Heils

Das Kreuz wurde zum zentralen Symbol für uns Christen. Das Kreuz gehört aber nicht einer bestimmten Religionsgemeinschaft oder Kirche, sondern alle, die ihr Leben nach dem Vorbild Jesu gestalten wollen, gehören zu ihm. Das Kreuz, besser gesagt der Gekreuzigte, ist sozusagen „überkonfessionell“ und sein Leben ist ein Lebensentwurf für alle Menschen. Deshalb gehört das Kreuz auch in den öffentlichen Raum. Nicht weil wir noch so viele Christen sind, sondern weil diese Botschaft für alle aktuell ist, egal, welcher Religion man angehört. Das Kreuz, als Werkzeug der Gewalt, ist abzulehnen, der gewaltfreie Sohn Gottes ist anzubeten.

Jesus ist uns ein Vorbild. Er hat sich auch durch das Kreuz nicht abhalten lassen, seine Liebe und sein Leben für andere zu geben, wie es Eltern für ihre Kinder tun, wie es Liebende füreinander tun, wie Feuerwehr, Rettung, … es tun.

Wir beten dich an Herr Jesus Christus und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

 

 

Johann Hintermaier