2. Sonntag der Osterzeit – Weißer Sonntag (ABC): Joh 20,19-31             

 

Die Freude von Ostern soll sich verbreiten

Wir feiern heute den „Weißen Sonntag“. Ursprünglich tragen die Getauften die weißen Kleider bis zum Sonntag nach Ostern. Sie freuen sich, dass sie zur Gemeinschaft der Christen gehören. Die Texte des heutigen Sonntags sind stark von der Gemeinschaftserfahrung der ersten Christen geprägt: sie teilen das Lebensnotwendige, sie beten gemeinsam und brechen das Brot miteinander. Sie leben Kirche auch zuhause und loben Gott. Diese Erfahrung gibt ihnen Kraft und Lebensmut.

 

Überwindung der Angst – Sehnsucht nach Frieden

Die allerersten Wochen nach der Auferstehung sind für die Jünger aber nicht so einfach. Sie haben nicht gleich verstanden, was sich ereignet hat. Sie haben Angst, dass ihnen das gleiche Schicksal droht wie Jesus. Die Jünger haben aus Furcht die Türen verschlossen und verstecken sich. Das ist nicht nur räumlich zu verstehen, sondern auch bildlich. Angst macht zu. Angst verschließt. Angst engt ein. Eingeschlossen sein, macht wieder Angst. Viele erleben das auch in Zeiten von Corona, wenn sie die Wohnungen oder Zimmer nicht verlassen dürfen. Da breitet sich Unmut, Angst und Sorge aus. Da herrschen nicht immer Friede oder friedliche Stimmung.

Wie gehen wir damit um? Das Evangelium berichtet, dass Jesus in die Mitte der Jünger tritt und sie anspricht. Er fasst seine Botschaft mit dem kurzen Satz zusammenfasst: „Friede sei mit euch!“ Er zeigt ihnen die Wunden, ist aber nicht von Rache und Hass erfüllt. Er spricht nicht von Unzufriedenheit, sondern vom Frieden. Schuldzuweisungen bringen keinen Frieden. Jesus stiftet nicht zur Rache oder zur Vergeltung an, sondern zum Frieden. Unfriede stärkt die zerstörerischen Kräfte. Sei es in großen Konflikten, aber auch in den kleinen Streitigkeiten des Alltags. Konflikte und Unfriede fressen unsere Lebensenergie auf. Wirklich frei werden können wir nur, wenn wir mit uns und den anderen Frieden schließen, so wie Jesus es uns vorgelebt hat. So kann aus dem Kreuz sogar Heil werden. Das bedeutet aber nicht, dass Unrecht legitimiert würde. Niemals! Es geht um das Überwinden von Unrecht und um Neuanfänge.

„Der Friede sei mit euch“ steht auch bei unseren Gottesdiensten im Mittelpunkt. Wir wünschen uns den Frieden und reichen uns in der Mitte des Gottesdienstes die Hand zum Friedensgruß. Zurzeit ist das leider nicht möglich, aber wir sollen als Hauskirche und zuhause diesen Aspekt weiterführen und Frieden stiften, wo es möglich ist.

 

Thomas – glauben ist mehr, als sehen

Thomas, meist als der „ungläubige Thomas“ bezeichnet, ist nicht dabei, als Jesus kommt. Er glaubt den Erzählungen nicht. Wenn ich nicht sehe, glaube ich nicht! sagt er kurz und bündig. Er verkörpert mit dieser Haltung auch den modernen Menschentyp. Aber ist das, was wir sehen, tatsächlich die ganze Wirklichkeit?

Eine Woche später wiederholt sich die Erscheinung Jesu, diesmal ist Thomas dabei. Er wird wohl ein wenig blass geworden sein, als ihn Jesus aufgefordert hat, Finger und Hand in seine Wunden zu legen. Jesus möchte, dass Thomas die Wunden tatsächlich spürt und nicht nur sieht!

Wenn ich an eine Wunde denke, dann gehe sorgsam damit um. Da tappt man nicht einfach mit dem Finger hin. Vielleicht streicht man mit dem Handrücken darüber oder haucht hin, wie es Kinder gern verlangen, damit es wieder „gut“ wird. Thomas soll die Wunden spüren und nicht nur distanziert sehen, er soll mit-leiden! Christsein bedeutet sensibel sein für die Wunden und Nöte der anderen, heißt Mitleid empfinden zu können.

 

Thomas – für mich der Patron einer humanen Digitalisierung

Die moderne Welt lebt davon, dass viele Begegnungen nicht mehr real erfolgen, sondern über digitale Medien. Wir sind zurzeit sehr froh und dankbar, dass Menschen, die nicht besucht werden können, wenigstens digital erreichbar sind. Die persönliche Begegnung kann aber nie ersetzt werden.

Es steckt aber in der Digitalisierung auch die Gefahr, dass Menschen anonym verletzt und gemobbt werden und dass niemand mehr spürt, wie weh das tut. Die digitale Welt kann eine sehr brutale und verletzende Welt sein. Wenn die Wunden und Gefühle der anderen Menschen nicht mehr gespürt werden und man nicht mehr fühlt, was durch das Tun und die Worte bei anderen ausgelöst wird, werden Wunden geschlagen und es machen sich Kälte und Unmenschlichkeit breit. Unsere Welt, die reale und die digitale, braucht Sensibilität und Gespür füreinander.

„Finger“ heiß auf Latein „digitus“. Von daher ist auch das Wort „Digitalisierung“ abgeleitet. Man kann mit dem Finger Botschaften in den Computer tippen, die verletzen, und man kann mit dem Finger Botschaften in den Computer tippen, die heilsam sind. Wir sollen immer bedenken, was unsere Worte und Taten auslösen. Thomas ist für mich der Patron für eine humane Digitalisierung, weil er gelernt hat, sensibel mit den Menschen und ihren Wunden umzugehen. Thomas ist der Auftrag Jesu tief in die Seele gedrungen und er bekennt: „Mein Herr und mein Gott!“.

Der Friede sei mit euch.

 

PS: der offizielle Patron für das Internet ist Isidor von Sevilla (636 gestorben), weil er das Wissen seiner Zeit in einer 20bändigen Enzyklopädie zusammengetragen hat.

 

Hans Hintermaier